Ambient Assisted Living – UX Grundlagenforschung am Beispiel altersgerechter Assistenzsysteme

Der Großteil der älteren Bevölkerung will im gewohnten Zuhause altern und nicht in eine Pflegeanstalt müssen. Doch häufig kann der Alltag von den oft allein lebenden älteren Menschen nicht mehr ohne Hilfe bewältigt werden. Hier bietet die Digitalisierung ein verheißungsvolles Potenzial, um der älteren Bevölkerung eine gewisse Autonomie zu ermöglichen. Um die Akzeptanz der älteren Nutzerinnen und Nutzer hinsichtlich technischer Lösungen zu gewährleisten, bedarf es einer Grundlagenforschung, mit der eine positive Nutzererfahrung sichergestellt werden kann. Viele der heutigen altersgerechten Assistenzsysteme aus dem Bereich ‚Ambient Assisted Living‘ (AAL) basieren auf interessanten Ideen und zukunftsfähigen Technologien, um gerade älteren Menschen das alltägliche Leben zu vereinfachen. In den Wohnräumen integrierte Sensoren und Systeme wie Sturzerkennungssensoren, automatische Lichtsteuerung oder intelligente Herdabschaltungssysteme sind hier nur einige Beispiele.

Jedoch werden bei der Entwicklung häufig die eigentlichen Nutzer dieser Systeme nicht bzw. zu spät mit einbezogen. Viele Entwickler beschränken sich auf die Evaluation bestehender Systeme, beispielsweise mit Usability Tests. Häufig mangelt es jedoch an einer strategischen Grundlagenforschung, um die eigentlichen Bedürfnisse, Probleme und Sorgen der späteren Nutzer mit zu berücksichtigen. Dafür eignet sich eine Methodentriangulation, also der Einsatz verschiedener Methoden, die möglichst bereits mit Beginn der Planung solcher Systeme angewendet werden sollten.

Im Rahmen meiner Masterarbeit zu altersgerechten Assistenzsystemen konnte ich mittels ethnographischer Forschung einige Punkte ausmachen, die im Alltag älterer Menschen von Bedeutung sind und als Datengrundlage für den folgenden Abschnitt dienen.

Tiefeninterviews

Ausführliche Tiefeninterviews eignen sich besonders dabei, Ziele, Meinungen, Ängste oder das Befinden der älteren Menschen zu verstehen. So können z.B. Lebensbereiche erfasst werden, die im besonderen Fokus der Studienteilnehmer stehen und damit für die Entwicklung neuer Assistenzsysteme interessant sind.

Mögliche Erkenntnisse Mögliche Designimplikationen
Oft Vereinsamung durch schwindende soziale Kontakte im Alter Förderung des sozialen Austauschs durch digitale Veranstaltungsplaner im Quartier
Pflege des Partners häufig eine starke emotionale Belastung Automatische Vitalwertüberwachung um Pflegenden mehr Freiheiten zu ermöglichen
Eigenständigkeit und Selbstbestimmung als wichtiges Ziel Priorisierung der unterstützenden Leistungen zum Erhalt der Eigenständigkeit

 

Ethnographische Studien

Mit ethnographischen Studien können die Menschen in ihrem Alltag beobachtet und interviewt werden. Somit kann das Forscherteam das Verhalten und die Bedürfnisse der Studienteilnehmer direkt im realen Nutzungskontext ermitteln und gezielte Nachfragen stellen, damit es zu keinen Fehlinterpretationen kommt.

Mögliche Beobachtungen Mögliche Designimplikationen
Türschwellen in der Wohnung sind beim Gebrauch von Rollatoren hinderlich Barrierefreie Wohnräume als Voraussetzung für eigenständiges Leben
Durch Probleme in der Schulter können höhere Küchenschränke nicht erreicht werden Elektronisch verstellbare Küchenschränke
Durch Arthritis in den Händen können Wohnungsschlüssel und Herdregler nur schwer gedreht werden Elektronischer Zugang zur Wohnung/ Sprachsteuerung für Herd
Hausnotrufe werden häufig nicht am Körper getragen Automatische Alarmierung des Notarztes durch Sturzsensoren

 

Tagebuchstudien

Es ist personell und finanziell nur schwer möglich, die Studienteilnehmer Tag und Nacht zu begleiten. Gerade im sehr privaten Umfeld der eigenen Wohnung. Daher bieten sich für Langzeitstudien über mehrere Tage oder gar Wochen Tagebuchstudien an. Die Studienteilnehmer können dabei ihre Bedürfnisse, Erlebnisse und Probleme mit Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand selbstständig schriftlich, auditiv oder visuell festhalten und somit einen tiefen Einblick in ihren Tagesablauf gewähren. Anschließend werden die Aufzeichnungen noch einmal mit dem Forscherteam besprochen, um Unklarheiten zu beseitigen oder weiterführende Erklärungen zu erhalten.

Mögliche Tagebucheinträge Mögliche Designimplikationen
„Hatte Schwierigkeiten, nachts den Lichtschalter zu finden und bin gestürzt.“  Automatische Lichtsteuerung beim Verlassen des Betts
„Auch heute gab es wieder Toastbrot mit Schinken zu essen.“ Bestellsystem für vitaminreiche Lebensmittel
„Heute Morgen habe ich leider vergessen meine Tabletten zu nehmen.“ Auditive und visuelle Erinnerungsfunktion für die Tabletteneinnahme

 

Der Nutzen von früher Grundlagenforschung

Eine Grundlagenforschung zu Beginn der Planung neuer Assistenzsysteme sichert auf Basis realer Verhaltensweisen, Problemen und Bedürfnissen der späteren Nutzer eine korrekte Ausrichtung der weiteren Entwicklung. Dadurch werden Fehlinvestitionen vermieden, da begonnene Entwicklungsprozesse nur schwer wieder grundlegend geändert werden können. Im schlimmsten Fall wird ein Produkt oder System entwickelt, das an den Bedürfnissen der Nutzer vorbeigeht und keine Abnehmer findet.

Gerade bei älteren Menschen, für die aktuelle Technik häufig Neuland darstellt, sollten Lösungen gefunden werden, die schnell auf Akzeptanz treffen. Die Technik soll sich schließlich an den Nutzer anpassen und nicht umgekehrt. Welche Lösungen angenommen werden und welche nicht, kann man letztlich nur durch die Erforschung der Zielgruppe und ihrer Umweltgegebenheiten herausfinden. Bloße Annahmen des Produktteams, die nicht durch empirische Daten belegt sind, reichen hierfür nicht aus.

Für weiterführende Informationen zum Einsatz und Erforschung von altersgerechten Assistenzsystemen kann an dieser Stelle auf das von der Europäischen Union geförderte Projekt der Universität Hamburg, Vernetztes Wohnen im Quartier, verwiesen werden.

 

Bildquelle: https://alter-leben.vswg.de/konzept/ansatz/

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Moritz Flues
Moritz Flues
Moritz interessiert sich besonders für ethnographische Forschungsansätze, bei denen der Nutzungskontext der Anwender in den Fokus gerückt wird. Die Beobachtung und Hinterfragung der individuellen Verhaltensweisen sieht er dabei als zentralen Aspekt in der User Experience Forschung. /// Moritz is particularly interested in ethnographic research approaches that focus on the user context. He considers the observation and questioning of individual behavior as a central aspect of user experience research.