Tagebuchstudien mit WhatsApp – eine kritische Analyse

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Im letzten Jahr wurde Facit Digital beauftragt, herausfinden, auf welche Art und Weise Kinder und Jugendliche digitale Medien und elektronische Geräte nutzen. Ein weiterer Auftraggeber wollte Ideen für ein neues Produkt generieren und dazu die Nutzungsgewohnheiten und Probleme seiner Zielgruppe zum Thema Audionutzung kennenlernen.

In beiden Fällen entschieden wir uns für die Durchführung einer Tagebuchstudie. Auf diese Weise ließen sich zahlreiche tiefgehende Insights zum Nutzungsverhalten und den Pain Points der untersuchten Zielgruppen gewinnen. Als Medium zur Kommunikation mit den Probanden verwendeten wir WhatsApp.

Neben einigen Einschränkungen, die diese Art der Durchführung im Vergleich zu speziellen Diary-Study-Tools aufweist, bringt WhatsApp viele starke Vorteile mit sich.

Alle können WhatsApp

WhatsApp ist sehr weit verbreitet. 75% der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren nutzen WhatsApp regelmäßig, 63% täglich. Im Gegensatz zu speziellen Tools muss keine neue Anwendung heruntergeladen und „erlernt“ werden. Die Studienteilnehmenden können ihre Selbstbeobachtungen ganz intuitiv aus der Nutzungssituation heraus dokumentieren und verschicken. Auch das Smartphone ist heutzutage immer und überall dabei. Situationen bleiben dadurch möglichst authentisch. Eine große Menge an validen Beiträgen kann generiert werden.

Instruktionen und Beiträge als Text- und Sprachnachricht

Zudem bietet WhatsApp eine einfache Möglichkeit, neben klassischen Textbeiträgen Bilder, Videos und Sprachnachrichten zur Dokumentation zu nutzen.

Forschen mit WhatsApp: Wie geht das?

Zuallererst braucht man ein Smartphone mit einer Sim-Karte. Damit lässt sich ein WhatsApp Account erstellen. Die „WhatsApp Business“ App benötigt man, um sogenannte Broadcasts erstellen zu können. Damit können alle Studienteilnehmenden einer Liste hinzugefügt werden und das Forscher-Team kann eine Nachricht an alle Kontakte gleichzeitig verschicken. Die Teilnehmenden müssen dazu lediglich vorab die Telefonnummer des Testhandys in ihrem Handy einspeichern. Die Teilnehmenden selbst sehen nicht, wer sonst noch Teil der Broadcast Liste ist.

Anschließend kann man den Probanden über den Broadcast die täglichen Aufgaben und Anweisungen schicken. Um einzelne Teilnehmende zu loben oder um weniger Engagierte zu motivieren, sollte man auch separat auf diese eingehen und individuelle Nachrichten verschicken. Durch den gewohnten Umgang mit WhatsApp erhält man meist relativ schnelles und ungefiltertes Feedback.

Wo ist der Haken?

Sobald mehr als ein Forscher an der Kommunikation mit den Probanden beteiligt ist, wird es etwas kompliziert. Da die Kommunikation an ein Handy und eine Sim-Karte gekoppelt ist, kann man die Studie kaum kollaborativ betreuen. Man muss immer das Handy bei sich haben, wenn man mit den Teilnehmenden kommunizieren möchte. Auch WhatsApp am Desktop kann nie von mehreren Personen gleichzeitig ausgeführt werden.

Bei der Dokumentation und Auswertung kommen weitere Hindernisse hinzu. Für uns machte es Sinn, die Textnachrichten in ein Excel-Dokument zu übertragen und dort alle Beiträge nach Task und Teilnehmer zu sortieren. Dazu mussten die Textbeiträge zunächst von WhatsApp exportiert oder einzeln nach Excel kopiert werden. Bilder und Videos mussten heruntergeladen und abgelegt werden (waren dann allerdings von den dazugehörigen Textnachrichten entkoppelt). Um die Sprachnachrichten auszuwerten, ist es aus unserer Sicht empfehlenswert, vorab auszuwählen, welche zur Beantwortung der Forschungsfragen beitragen und anschließend nur diese zu transkribieren.

To WhatsApp or not to WhatsApp

Es gibt zahlreiche Spezial-Tools für die Durchführung, Dokumentation und Auswertung von Tagebuchstudien (z.B. von Kernwert, dscout oder Indeemo). In einem Dashboard können die Teilnehmenden kollaborativ verwaltet und Aufgaben gezielt eingestreut werden. Je nach Angebotsumfang übernehmen solche Tools auch die Transkription von Sprach- und Videobeiträgen. Im Gegensatz zu WhatsApp fallen bei den Spezial-Tools jedoch Kosten für die Durchführung an. Außerdem müssen sich sowohl die Probanden als auch die Forschenden zunächst an die Bedienung eines Programms gewöhnen. Häufig enthalten solche Tools sehr viele Funktionen, welche für kleinere Studien gar nicht benötigt werden.

Vor- und Nachteile: WhatsApp vs. Spezial-Tools

Wie bei den meisten Methoden und Tools gilt es auch bei der Durchführung von Tagebuchstudien mit WhatsApp die Vor- und Nachteile abzuwägen. Gehen Studien beispielsweise über einen längeren Zeitraum, umfassen mehr Teilnehmer oder verlangen überdurchschnittlich viele Video- und Sprachnachrichten, könnte der Einsatz spezifischer Tools effizienter sein.

Bei weniger umfangreichen Studien ist es gegebenenfalls sinnvoll, dass ohnehin nur ein Forscher die Probanden während der Feldzeit betreut.  Bei einer Teilnehmerzahl von 10 Personen oder weniger bleibt der Aufwand für manuelle Dokumentation und Transkription überschaubar. In diesem Fall würden die Vorteile der niedrigschwelligen und vertrauten Nutzung von WhatsApp überwiegen.

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Theresa Amberger
Theresa Amberger
Als studierte Kommunikationswissenschaftlerin stellt Theresa viele Fragen und geht den Dingen gerne auf den Grund, so auch für die Blog-Reihe „Inside FaDi“. Im UX Consulting bei Facit Digital kann sie diese Leidenschaft mit ihrem Interesse an digitalen Trends und technologischen Neuerungen optimal vereinen. /// As a studied communication scientist Theresa asks many questions and likes to get to the bottom of things, also for the blog series "Inside FaDi". In UX Consulting at Facit Digital she can optimally combine this passion with her interest in digital trends and technological innovations.